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Do, 18. April 2019, 20:20 Uhr

Italien: Neue Regierung muss umsteuern


06.03.19 12:35
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Italien ist in eine technische Rezession gerutscht, so Dr. Stefan Mütze von der Helaba.

Das Bruttoinlandsprodukt sei sowohl im dritten als auch im vierten Quartal real leicht gesunken. Die Politik der seit Juni bestehenden populistischen Regierung habe für Unsicherheit nicht nur an den Kapitalmärkten gesorgt. Das Wirtschaftsklima sei seit Mitte 2018 stärker gesunken als im Euroraum. Nach langen Diskussionen mit der EU-Kommission habe die italienische Regierung nur kleinere Haushaltsanpassungen vorgenommen. Damit habe sich das geplante Haushaltsdefizit von 2,4% auf 2,04% verringert. Mit der jüngsten Entwicklung sei dieses Ziel obsolet. Das von der Regierung erwartete Wachstum von 1% in diesem Jahr sei nicht zu erreichen. Unsere Prognose liegt bei 0,7% und ist damit bereits optimistisch, so die Analysten der Helaba.

Der Spread italienischer 10-jähriger Anleihen gegenüber den deutschen Pendants, der sich mit Regierungsantritt sprunghaft erhöht habe, liege weiterhin bei 2,6 Prozentpunkten. Dies belaste das italienische Bankensystem und verteuere die private und die staatliche Refinanzierung. Unternehmen und Konsumenten hätten sich zuletzt zurückgehalten. Die bereits hohe Staatsverschuldung von 131,7% des Bruttoinlandsprodukts dürfte weiter steigen.

Immerhin dürften die privaten Verbrauchsausgaben 2019 mit knapp 1% etwas stärker zulegen als das Bruttoinlandsprodukt. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage würden Löhne und Gehälter zuletzt stärker steigen. Der Beschäftigungsaufbau sei allerdings schwächer geworden. Auch in Italien seien die Kfz-Neuzulassungen ab September 2018 deutlich zurückgegangen. Nachdem die Automobilindustrie die mit dem neuen Testverfahren WLTP verbundenen Schwierigkeiten überwunden habe, seien die Verkäufe wieder gestiegen.

Moderat positive Impulse sollten zudem vom geplanten Bürgergeld ausgehen, deren Auszahlung nach jetziger Planung im Frühjahr 2019 beginnen solle. Die Ausrüstungsinvestitionen seien ab 2016 deutlich gestiegen. Zum einen sei nach dem Rückgang im Zuge der Euro-Staatsschuldenkrise ein Nachholbedarf entstanden; zum anderen sei die Kapitalbildung durch Sonderabschreibungen und der Förderung von Forschung und Entwicklung stimuliert worden. Diese Maßnahmen seien im verringerten Ausmaß auf 2019 verlängert worden. Die positiven Auswirkungen dürften deswegen nachlassen, auch weil sich die Finanzierungsbedingungen für italienische Unternehmen verschlechtert hätten und die Rahmenbedingungen für die Kapitalbildung nicht im Fokus der Politik stünden. Italien sei einer achtjährigen Baukrise ausgesetzt gewesen, deren Tiefpunkt erst Anfang 2015 erreicht worden sei. 2018 hätten die Bauinvestitionen getrieben vom Wohnungsbau um 2,4% überdurchschnittlich zugelegt. Auch 2019 dürfte diese Komponente zum Wachstum beitragen.

Die Wirtschaftspolitik konzentriere sich auf die Erhöhung von Transfers zur Finanzierung des Konsums. Wichtiger wäre die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen. Hierzu würden neben verstärkten Bildungsanstrengungen eine effizientere Bürokratie, ein schnelleres Rechtssystem und die Verbesserung des Wettbewerbsumfeldes gehören. Teuer und nicht wachstumsstimulierend sei hingegen die geplante Herabsetzung des Renteneintrittsalters. (06.03.2019/ac/a/m)